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Tauben aus Porzellan


Erinnerungen an die gute alte Zeit


Erinnern wir uns doch einen kurzen Moment an die gute alte Zeit, die uns einst so sehr forderte. Nicht mehr so intensiv, wie heute daran gedacht damals von uns alles gefordert wurde in unseren Tagen, mit überreizten Sinnen und Gefühlen in einander hochgerissenen Stimmungen der stets anspruchsvollen Gegenwart, die sie uns einst gewesen ist. Dennoch für den kleinen und sentimentalen Moment soll sie die allerbeste der guten Zeiten gewesen sein. Die unsere, wie sie die eigene einer jeden Generation ist.

Aus dem gutbesuchten Jazzclub in die kühle Nachtluft hinausgetreten konnte durchgeatmet werden, um nach einigen Schritten Appetit auf eine frische Zigarette und ein Glas Wein beim Jugo zu bekommen. Aber es keinen Glimmstengel mehr in der Packung gab. Waren wir mit Freunden zu Aufnahmen im RIAS Berlin zu Gast gewesen, dem Rundfunk Im Amerikanischen Sektor, und wie alle Wochen von den Songs der Bands in unseren Köpfen noch ein gutes Stück weit begleitet. Bands, die heute keiner mehr kennt, deren mitunter abstrakter Sound ins ewige Nirwana einging und somit uns Anregung wurde für weitere Unterhaltungsmusik. Punk war vorbei, der Hardrock lief schon und aufreizender Freejazz war gerade im kommen, aber immer noch erklangen mit jungen Starts eingespielt altbekannte Folksongs auf den Bühnen.

Damals schipperten Oma und Opa noch mit Enkelkind selig in der Butterfahrt für ein paar Stunden auf dem Dampfer über die Ostsee. An Bord von schmalzig gesungener Schaukelmusik begleitet ein wenig romantisch anberührt, wie einst schon jung verliebt in ihren Jahren und kauften sie sich zum Vortrag und Zuckerzeug eine der viel gepriesenen Rheumadecken für die kalte Jahreszeit. Eine Erinnerung, die ihnen noch langhin blieb nachdem die Stange zollfreie Zigaretten längst verqualmt und der echte französische Cognac bald vergessen waren.

Vielfach in alten Zeiten damals in weissüberdeckten Wintertagen zwischen meterhohen Schneebergen an Straßenrändern standen seit Generationen noch schmuckvolle Kachelöfen in den Wohnzimmern. Fernwärme aus dem Industriekomplex war noch nicht geplant und brauchte man einen kunstvoll gedrehten Fidibus, um mit sorgsam angehäuften, gehackten Holzscheiten die Flamme zur Wärme im Lebensraum anzufeuern.
Ein Fidibus ist nicht etwa der heimliche Liebhaber der braven Hausfrau, der die Abwesenheit des getreuen Ehemannes nutzte, um ein hitziges Feuer zu entfachen, nachdem zuvor die Steinkohlen in Schütten aus dem Keller vier Etagen empor in die Mietswohnung geschleppt waren.
Die morgendliche Kühle aus dem Bett gestiegen lud wenig zum Verweilen ein, und brauchte man auch für warmes Wasser im Boiler Vorbereitungen und eine geschickte Einladung um die Glut aufzulodern. Der tägliche Smogalarm und ein erster Blick aus dem Fenster liess dann wie gewohnt den Schwefelgeruch der feuchten Brikett über den Dächern des Staates im gelblichen Himmelsleuchten geniessen.

Im gleichen Mietshaus in der dritten Etage hatte sich ein Ehepaar für ihren Urlaub entschieden auf die von Freunden viel gerühmte Mittelmeerinsel zu fliegen, ihr 'Dolce Vita', das süße Leben des Südens sollte es sein. In ansprechenden Hochglanzbildern der Auslagen und Kataloge der Reiseveranstalter zeigten sich Hotel und Swimmingpool vor verlockenden Ansichten der Inselbucht betörend mit fast menschenleeren Sandstränden im strahlenden Lichte des Sonnenuntergangs.
Schon der Flug war ein Abenteuer und blieb von beiden Wochen Urlaub lange die Erinnerung der wenigen Tage mit Magendarm und fiebrigem Aufenthalt in einer örtlichen Inselklinik. Den endlosen Strand der einsamen Natur und wuchernden Blumenwelt hinter dichten Hochhäuserreihen konnten sie mit leichtem bedauern erst im Bus zum Flughafen bewundern.

Ihre Tochter hatte sich derweilen mit Rucksack und Windjacke auf den Weg gemacht, um für sich die weite Welt zu entdecken. Selbstsicher der Kindheit entwachsen kannte sie keine Furcht und Ängste vor nichts und niemandem. Stabile Wanderstiefel trugen die singende Schar ihres Semesters eine gute Weile miteinander über alle sanften Hügel bis hinauf zu schroffen Felsen, und hinab entlang klaren Bächen durch Ebenen grünender Felder.
Kartentasche und Kompass zeigten ihnen die Richtung voraus bis ein Gepäckstück unerreichbar in einer Gletscherspalte verloren ging. Unten im Tal, durch dichte Wäldern und schroffe Wege vor ihnen konnte es den Sonnenaufgang im Osten hinter sich gelassen nur nach Süden gehen, sagten sie sich. Als sie ohne Wasservorrat dann entkräftet nach etlichen Tagen des Umherirrens endlich ein Rauchzeichen entdeckten, wäre es fast zu spät gewesen.

In der guten alten Zeit brauchte es die Liebe, die Freude in Gemeinschaft mit den Nächsten etwas gemeinsam zu machen, mit etwas Mut der Jugend auch ein wenig Risikobereitschaft und ziemlich viel Glück, wie schon immer in allen guten Zeiten.

Andreas H. Scheibner 2026